Donnerstag, 27.10.2011




Armee der Männer

Von Noemi Darom

Im Zuge der Euphorie über die Freilassung Gilad Shalits haben wir viel über die "Armee des Volkes" gehört, deren Soldaten "unsere Kinder" seien. Doch nach weniger als einer Woche schon stellt sich heraus, dass, wie es in problematischen Familien vorkommt, es Söhne gibt, die mehr und Töchter, die weniger geliebt werden.

Am Sonntag hat Anshil Pepper in "Haaretz" berichtet, dass um die hundert Soldatinnen die offizielle Veranstaltung der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (ZAHAL) zu Simchat Thora verlassen haben, nachdem sie von religiösen Offizieren dazu gedrängt worden waren, in einen eingezäunten Bereich zu wechseln, der von dem zentralen Veranstaltungsort abgetrennt war. Der Befehlshaber der Gaza-Division und der Oberrabbiner, so stand es in der Nachricht, waren bei der Veranstaltung anwesend und haben sich nicht eingemischt.

Der Vorfall an Simchat Thora ist ein weiterer Schritt in der fortdauernden Geschichte der religiösen Radikalisierung bei ZAHAL. In schlechter Erinnerung geblieben ist der Vorfall, bei dem Offiziersanwärter eine Zeremonie wegen des Gesangs von Frauen verließen. Doch zumindest wurden damals die Kadetten aus dem Kurs entfernt. Das Schweigen des Befehlshabers der Gaza-Division und des Oberrabbiners scheint allerdings auf eine stillschweigende Zustimmung oder einen mangelnden Willen hinzudeuten, vor anderen Offizieren Stellung zu beziehen – und vor allem darauf, dass sie sich nicht verpflichtet fühlten, sich einzumischen. In anderen Worten, die Abschiebung von Soldatinnen in einen abgetrennten Bereich erschien ihnen als normativer Schritt. Die verletzten Soldatinnen mussten ihren Krieg allein ausfechten.

Und während die Armee ihre Soldatinnen ausschließt, unternimmt sie große Anstrengungen, einen anderen Teil der Gesellschaft an sich heranzuführen – die Orthodoxen. Für sie werden besondere Programme geschaffen, die ihrem Glauben entsprechen, und alles nur, um ihnen den Militärdienst ans Herz zu legen. All diesen Programmen ist gemeinsam, dass auch hier Frauen der Zutritt verwehrt ist. In anderen Worten: ZAHAL tut alles, um ja niemanden zu verletzen – solange man ein Mann ist. Ist man eine Frau, dann wird der Kommandant nicht zögern, einen für die Einheit des Volkes zu opfern.

Hierin reflektiert ZAHAL natürlich den Staat – dem sie dient, einen Staat, der einen schnellen Prozess der religiösen Radikalisierung durchläuft und in dem mehr und mehr Räume, angefangen bei bestimmten Buslinien und bis hin zu Bürgersteigen, einer Gender-Trennung unterliegen. Wenn diese dunklen Normen auch für die scheinbar säkulare "Armee des Volkes" zutreffen, dann ist das eine gefährliche Entwicklung. ZAHAL war noch nie für ihre Gleichberechtigung bekannt. Doch sogar zu der Zeit, als Ezer Weizman Alice Miller erklärte, sie könne nicht Kampf-Pilotin werden, da Männer ja schließlich auch keine Strümpfe häkelten, wurden Frauen nicht in abgetrennte Frauen-Bereiche abgeschoben.


Soldatin der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte  (Foto: IDF)

ZAHAL ist eine der wenigen Inseln des Konsens, die uns geblieben sind: Mehr als durch Gehorsam und Gesetz bezieht sie ihre Kraft aus einer breiten gesellschaftlichen Solidarität. Im Namen dieser Solidarität bezeichnen wir alle die Soldaten als "unsere Kinder", in ihrem Namen sind Eltern bereit, ihre Kinder zu einem gefährlichen Militärdienst zu schicken, junge Männer und Frauen sind bereit, zwei oder drei Jahre der Armee zu widmen, und ein ganzes Land mobilisiert sich, um einen entführten Soldaten nach Hause zu holen.

Doch wenn die Armee ihre Soldatinnen wie Bürgerinnen zweiter Klasse behandelt, wieso sollten sie sich ihr dann noch verpflichtet fühlen? Schließlich verbringen die meisten von ihnen ihren Militärdienst ohnehin gelangweilt in Büros oder auf Posten, die ihnen im späteren Leben nichts bringen werden, während sie die noch verbleibenden Tage bis zum Ende ihres Dienstes zählen. Es scheint schon besser, sich vom Wehrdienst befreien zu lassen (und heute gibt es genug Wege, dies zu tun) und sein Leben weiterzuleben.

Nein, das kann man dann nicht mehr als Drückebergerei bezeichnen. Wer sich wirklich drückt, ist die Führung der Armee und des Militärrabbinats, die ängstlich und schweigend mit einer Diskriminierung gemeinsame Sache machen, die in einem demokratischen Staat keinen Platz hat. Die Bewahrung dieses Konsens in Zusammenhang mit der sich immer stärker in verschiedene Bevölkerungsgruppen aufspaltenden Armee ist eine komplizierte und wichtige Aufgabe – doch es kann nicht sein, dass dies auf Kosten der Frauenrechte geschieht.

Der Oberste Befehlshaber Benny Gantz muss unverzüglich und konsequent gegen diese Unsitte vorgehen. Er muss sich eindeutig gegen die Geschlechtertrennung und die Diskriminierung von Soldatinnen äußern, schwerwiegende Sanktionen gegen jeden aussprechen, der sie in einem Frauenabteil einsperren möchte. Er muss den Soldatinnen ihre Würde wiedergeben oder die Wehrpflicht für Frauen abschaffen. Sie haben im zivilen Leben Besseres zu tun.

Die im Newsletter veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder, sondern bieten einen Einblick in die politische Diskussion in Israel.