Freitag, 07.03.2008




Die Rache ist gekommen

Von Avi Issacharoff

Die Freudenschüsse in Gaza, die auf den Terroranschlag in Jerusalem folgten, haben gezeigt, dass das Eindringen in die Yeshiva Merkaz Harav als ungewöhnliche politische und militärische Errungenschaft für die verantwortliche Organisation empfunden wird. Der Attentäter und die, die ihn geschickt haben, haben der breiten Öffentlichkeit in Gaza das gegeben, wonach sie sich seit Anfang der Woche gesehnt hat: Rache.

Die Schreckensbilder, die da aus dem Gaza-Streifen kamen, haben die Hamas, den Islamischen Jihad und andere Gruppierungen in ein Wettrennen um einen Anschlag geschickt. Es war klar, dass die Organisation, der ein solcher gelänge, nicht wenig Punkte auf der palästinensischen und arabischen Straße machen würde. Die Angriffe der israelischen Armee im Gaza-Streifen, bei denen viele Zivilisten getötet wurden, lieferten den Organisationen den Anreiz, einen möglichst brutalen Anschlag auszuführen. Aber abgesehen von der politischen Ebene, ist es dem Attentäter auf militärischer Ebene gestern gelungen, Fähigkeiten der Informationserlangung und Durchführung unter Beweis zu stellen: Es handelt sich hier nicht um eine zufällige Ankunft in irgendeinem Einkaufszentrum der Stadt und die Zündung eines Sprengstoffgürtels, sondern um das Eindringen in eine Yeshiva in einem religiösen Viertel Jerusalems, die in palästinensischen Augen ein ‚Prestigeziel’ darstellt.  Hier geht es nicht um die Umsetzung einer Aktion von einem Tag auf den anderen.

Zur Durchführung eines solchen Anschlags bedarf es geheimdienstartige Informationen im Vorfeld. Der Attentäter wusste, wohin er ging, und dass viele junge Männer mit einer Waffe in die Yeshiva kommen. Doch gelang es ihm, in einen bewaffneten Ort einzudringen, ohne aufgehalten zu werden. Der Terrorist erhielt ohne Zweifel Hilfe von Bewohnern Jerusalems, die mit der Örtlichkeit und dem Ziel vertraut sind, und er war wahrscheinlich Inhaber einer israelischen Identitätskarte, die ihm es ihm ermöglichte, sich frei in der Stadt zu bewegen.

Der Anschlag ereignete sich wenige Stunden, nachdem in El-Arish auf dem Sinai Gespräche zwischen Vertretern der Hamas und des Islamischen Jihad und den Ägyptern über eine mögliche zeitweilige Waffenruhe mit Israel geführt wurden. Gegenwärtig, da die Hamas  - sollte sie hinter dem Anschlag stehen – gezeigt hat, dass ihre Ankündigungen einer brutalen Rache keine leeren Drohungen sind, wird sie einer Waffenpause aus einer Position der Stäke zustimmen können. Doch ist zu bezweifeln, dass dies Israels Sichtweise sein wird.

Wahrscheinlich wurde der Anschlag im Merkaz Harav in einer Stadt des Westjordanlands bzw. in Ostjerusalem geplant. Die islamistischen Organisationen stehen im Westjordanland unter doppeltem Druck, sowohl von Seiten Israels als auch von Seiten der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA). Nun haben sie bewiesen, dass sie trotz der unermüdlichen Jagd nach ihnen und der Festnahmewellen der PA noch immer einen ‚qualitätsvollen’ Anschlag im israelischen Kernland auszuführen in der Lage sind.

Die PA bringt der Anschlag in eine problematische Position. Die Verurteilungen durch den Vorsitzenden Mahmoud Abbas werden abermals als Unterstützung des israelischen Feindes ausgelegt werden, zumal das Ziel als geistiges Bollwerk der Siedler gilt. Darüber hinaus erweisen sich die Erklärungen von PA-Führungsfiguren wie Ministerpräsident Salam Fayyad, die Infrastruktur des Terrorismus zu zerschlagen und dadurch ihren Teil an der ersten Phase der ‚Roadmap’ zu erfüllen, als inhaltsleer. Erst gestern trafen sich Kommandeure des palästinensischen Sicherheitsapparats mit hohen Offizieren der israelischen Armee im Westjordanland. Der optimistische Eindruck der Teilnehmer des Treffens beruhte darauf, dass man im Westjordanland miteinander redet, während in Gaza gekämpft wird.  Doch kam dieser Eindruck zu früh. Den Palästinensern, die gestern versprachen, auf eine Beruhigung der heute erwarteten Demonstrationen nach dem Freitagsgebet hinzuwirken, wird ein sehr viel  entschiedeneres Vorgehen  gegen die Terrorstrukturen - und nicht nur gegen Steinewerfer - abverlangt werden. Es ist zweifelhaft, ob sie dies leisten können.

(Haaretz, 07.03.08)