Montag, 14.04.2008




Qumran-Rollen als Leihgabe

Von Meron Rappoport

Israel wird den Palästinensern alle archäologischen Funde, die seit 1967 im Westjordanland und in Ostjerusalem ausgegraben worden sind, einschließlich derer aus Ostjerusalemer Museen, übereignen, während die Palästinenser erwägen werden, Israel Gegenstände von „tiefem symbolischen Wert“ für das jüdische Volk langfristig zu leihen. So steht es im ersten Abkommen seiner Art, das zwischen israelischen und palästinensischen Archäologen in der Angelegenheit der archäologischen Funde im Rahmen eines zukünftigen Friedensabkommens unterzeichnet worden ist.

Das Einverständnis wurde durch Vermittlung der University of Califormia und der University of Southern California in Los Angeles erzielt. Die Leiter des israelischen Verhandlungsteams, Dr. Rafi Greenberg und Dr. David Ilan, präsentierten es vergangene Woche auf einem Symposium des Van Leer Instituts in Jerusalem vor israelischen Archäologen. Den Vorsitz des palästinensischen Teams hatte Prof. Nazmi al-Ju"beh von der Al-Quds-Universität. Bis dahin war die Frage der Archäologie bei allen Kontakten zwischen Israelis und Palästinensern nicht berührt worden.

Die sensibelsten Passagen des Abkommens sind die Abschnitte über jene Rollen von Qumran, die in der Wüste von Judäa entdeckt wurden, als diese unter jordanischer Herrschaft stand, und sich 1967 im Rockefeller-Museum in Ostjerusalem befanden. Nach internationalem Recht müssen sie an den Staat zurückgehen, der sie vor der Besatzung besessen hat, weswegen die meisten Kommentatoren überzeugt sind, dass sie im Rahmen eines Friedensabkommens mit den Palästinensern an den palästinensischen Staat übergehen müssten.

Um jedoch die israelische Bindung an die Rollen zu wahren, die als wichtigster Fund der Erforschung der Geschichte des jüdischen Volkes im Land Israel gelten, werden beide Seiten „Leih- oder Tauschabkommen“ erwägen. Dr. David Ilan sagte,  dass bei den Gesprächen von der Möglichkeit einer Leihgabe über einen Zeitraum von 999 Jahren die Rede sei.

Außerdem wurde in dem Abkommen vereinbart, dass Funde nur dann an ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden, wenn die andere Seite die technischen Möglichkeiten hat, sie angemessen zu pflegen. Des Weiteren bestimmte man, dass ein Zeitraum von fünf Jahren zur Fertigstellung von Forschungen an Funden gewährt wird, die bei Ausgrabungen im Westjordanland und in Ostjerusalem entdeckt wurden. Laut einer Studie der Universität Tel Aviv haben israelische Forscher seit 1967 mehr als 850 Ausgrabungen in den Gebieten durchgeführt, die Israel im Sechs-Tage-Krieg erobert hat.

In Jerusalem soll dem Abkommen gemäß ein besonderer „Schutzbezirk“ errichtet werden, der die Altstadt und die angrenzenden Gebiete, teilweise auch im Westen der Stadt, beinhaltet. Dieser Bezirk wird unter Aufsicht der UNESCO stehen, auch wenn er zwischen Israel und einem zukünftigen palästinensischen Staat geteilt ist. Das Abkommen stellt fest, dass Israel und Palästina „eine archäologische Landschaft bilden, die durch staatliche Grenzen durchteilt ist“, weswegen die Notwendigkeit einer archäologischen Zusammenarbeit zwischen Israel und dem palästinensischen Staat besteht, einschließlich eines gemeinsamen Ausschusses beider Seiten für den Schutz des kulturellen Erbes.

Etwa 50 Archäologen erschienen bei dem Symposium im Van Leer Institut. Die meisten unterstützen die Grundsätze des Abkommens. Der stellvertretende Generaldirektor der Altertumsbehörde, Uzi Dahari, sagte jedoch, dass die Rollen in den Händen Israels verbleiben und an keine Instanz übergeben werden würden, da sie „für ewig nationaler Besitz des jüdischen Volkes“ seien. Dahari behauptete auch, dass die Haager Konvention, auf deren Grundlage Israel nach dem Friedensabkommen mit Ägypten alle Funde zurückgab, die auf dem Sinai ausgegraben worden waren, nicht das Westjordanland betreffe, da dieses nicht als besetztes Gebiet gelte.

(Haaretz, 14.04.08)