Mittwoch, 23.04.2008




Iranische Bedrohung darf nicht verdrängt werden

Von Yuval Steinitz

Die aktualisierte US-Geheimdiensteinschätzung (NIE), der zufolge die Iraner ihre Entscheidung für die Entwicklung der Atombombe fallengelassen haben, ähnelt dem Ausweichen Rotkäppchens vor dem Wolf, der sich im Bett der Großmutter verbirgt und dessen Augen und Ohren unter der Decke hervorlugen.

Die Wiederaufnahme der Diskussion um ihre Gültigkeit aufgrund der neuen Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) lassen auf eine Eindämmung des Schadens hoffen. Dieser Artikel möchte die logischen und psychologischen Mängel aufdecken, die dem zugrunde liegen, was als eine der am wenigsten überzeugenden Geheimdiensteinschätzungen der Geschichte erscheint.

1. Der Pendel-Effekt: Der Hauptunterschied zwischen der neuen Geheimdiensteinschätzung zu ihren Vorgängern liegt nicht in den Details, sondern in der vorsichtigen Logik, der sie beim Ziehen der Schlussfolgerungen folgt. Die neue Einschätzung versucht nicht zu leugnen, dass im Falle des Irans das meiste des Wolfs klar ersichtlich ist: die Fabriken zur Umwandlung und Anreicherung von Uran in Isfahan und Kashan; der Schwerwasserreaktor in Arak; die Shihab-, Ashura- und BM-25-Raketen. Und dennoch zaudert sie beim Zusammenfügen der Puzzleteile zu einem Ganzen: Nichts kann mit Sicherheit garantieren, dass die deutlich erkennbaren Teile des Wolfs einen ganzen und vollständigen Wolf repräsentieren. Können wir mit Gewissheit bestimmen, dass am Ende des Projekts eine Bombe lauert?

Der Grundsatz, dem die Autoren den neuen Berichts zu folgen scheinen ist „Gebranntes Kind scheut das Feuer“. Nach dem Geheimdienstfiasko in der Angelegenheit der Chemiewaffen im Irak - an dem alle westlichen Geheimdienste einschließlich der Israelis ihren Anteil haben – hat man beschlossen, fortan höchste Vorsicht walten zu lassen. Während die Geheimdienste im Falle des Irak auf Grundlage letztlich irreleitender Informationsfetzen „Wolf, Wolf“ geschrieen haben, muss der Wolf diesmal zubeißen, bevor er als solcher anerkannt wird. Anders ausgedrückt: Die Geheimdienstexperten haben Standards mathematischer Gewissheit angelegt, die prognostischen Wissenschaften – als deren entfernten Verwandten man den Geheimdienst betrachten kann – nicht angemessen sind.

Was die Schlussfolgerung des Berichts noch um Einiges merkwürdiger macht, ist, dass das Treffen mit Teilen des Biestes nicht das erste Treffen ist – ähnlich wie in der Geschichte von Rotkäppchen. Rotkäppchen hat den Wolf bereits im Wald gesehen, und dennoch machte es sich vor, dass unter der Decke die Großmutter liege. Der Psychologe Bruno Bettelheim hat in seinem Buch „Kinder brauchen Märchen“ erklärt, dass Rotkäppchen es vorgezogen hat, die Gefahr zu verdrängen und bei den Verstellungen des Wolfes mitzuspielen, da es nicht wusste, wie sie mit der auflauernden Bedrohung umgehen sollte. Auch der amerikanische Geheimdienst hat den iranischen Wolf bereits vor 2003 gesehen. Der gegenwärtige Bericht wiederholt die entschiedene Feststellung, dass das iranische Projekt bis dahin als militärisches Projekt zur Entwicklung einer Bombe betrieben wurde.  Was laut dem Bericht offensichtlich passiert ist, ist, dass die iranischen Anstrengungen bei der Entwicklung der Bombenmechanik von den Radarbildschirmen des amerikanischen Geheimdienstes verschwunden sind (anders als die Beschäftigung mit spaltbarem Material, die im Zentrum des iranischen Projektes steht). Und da man nicht mehr alle Teile des Projekts sieht, ist nach den neuen Standards auch die Möglichkeit geschwunden, die Präsenz des Wolfes in der Umgebung zu bestimmen.

Der Umgang des US-Geheimdienstes mit dieser Angelegenheit stellt ein aufschlussreiches Beispiel für das dar, was ich als „Pendel-Effekt“ bezeichne – er lässt die Geheimdiensteinschätzung sich vom Pol der  „Überschätzung“ hin zu dem der „Unterschätzung“ bewegen. Ein Fehler bei der Überschätzung, wie es im Irak der Fall war, zieht Kritik auf sich und eine Unterschätzung beim nächsten Fall, und umgekehrt.

2. Absurde Implikationen: Ein psychologisches Trauma und eine unpassende Logik können zu absurden Schlussfolgerungen führen. Die Absurdität des neuen Berichts zeigt sich insbesondere an der Logik der Ressourceninvestition, die den Entscheidungsträgern in Teheran zugeschrieben wird. Der Bericht erzählt uns im Wesentlichen, dass die Iraner 2003 zwei widersprüchliche Entscheidungen gefällt haben: sowohl auf die Bombe zu verzichten, als auch damit fortzufahren, Milliarden in Fabriken zu investieren, die für ihre Herstellung bestimmt sind! Sollte man von den Autoren nicht eine Erklärung bspw. dafür verlangen, dass die enormen Investitionen in die unterirdische Zentrifugenanlage in Kashan fortgesetzt werden? Ist ihnen etwa zu Ohren gekommen, dass die Iraner eine Methode zur Verbesserung von Pistazien in den Zentrifugen entwickeln?

Ähnliche Fragen muss man in Hinsicht auf die Raketen stellen. Unter Fachleuten herrscht Übereinstimmung, dass man keine ballistischen Raketen mir Reichweiten von mehr als 1000 Kilometern entwickelt, wenn nicht für nicht-konventionelle Sprengköpfe. Schließlich sind die Kosten ihrer Entwicklung und Herstellung enorm hoch. Die Reichweite der Raketen, die die Iraner seit 2003 entwickelt haben, betragen schon mehrere Tausend Kilometer und umfassen den Nahen Osten und den Großteil Europas; und kürzlich gaben sie die Entwicklung eines „Satellitenträgers“ bekannt, d.h. einer Interkontinental-Rakete, die für den amerikanischen Kontinent bestimmt ist. Wenn das Programm zur Aufrüstung mit atomaren Sprengköpfen eingestellt worden ist – warum dauern dieses Investitionen in Raketen dann an?

Der frühere Geheimdienstfehler – die Überschätzung der chemischen Waffen im Irak – führte zu einem blutigen Krieg im Irak. Der gegenwärtige Geheimdienstfehler – die Unterschätzung des iranischen Atomprogramms – schadet dem Kampf zur Rettung der Welt vor einem Zustand, in dem ein fundamentalistisches Regime eine Atombombe in den Händen hält.

Geheimdienstliche Fehleinschätzungen sind unvermeidlich. Was den neuen Bericht der NIA so besorgniserregend macht, ist, dass es sich nicht lediglich um einen Irrtum handelt, sondern um die unvernünftige Verdrängung einer Gefahr – ganz so wie im Märchen von Rotkäppchen.


Yuval Steinitz ist Mitglied des Außen- und Sicherheitspolitischen Ausschusses der Knesset und leitet gemeinsam mit Senator Jon Kyl (Arizona) den Gemeinsamen Sicherheitsdialog zwischen dem US-Kongress und der Knesset.


(Haaretz, 23.04.08)