Mittwoch, 30.04.2008




Nicht weniger gefährlich als Antisemitismus

Von Yair Sheleg

Unter allen westlichen Ländern tun sich vor allem die Staaten Europas – die öffentliche Meinung mehr noch als die politischen Führungen – mit Kritik an der Politik Israels in den Gebieten hervor. Umfragen in Europa zeigen immer wieder auf Israel als eine der größten Gefahren für den Weltfrieden und als einen der größten Menschenrechtsverletzter. In einer solchen Umfrage vom Juli 2007 haben 45% der Europäer Israels Politik in den Gebieten mit der des Apartheid-Regimes in Südafrika verglichen.

Parallel dazu haben sich die europäischen Staaten im letzten Jahrzehnt gerade beim Gedenken an den Holocaust hervorgetan, bei der Beschäftigung mit ihrer eigenen Rolle in den Jahren der Vernichtung und beim Ausdrücken ihres Bedauerns ob ihrer Kollaboration zur Zeit der Vernichtung oder ob des anschließenden Raubs jüdischen Eigentums.

Dieser Dualismus ist so auffallend, dass es viele Israelis und Juden gibt, die meinen, dass das Gedenken und die Kritik zwei Seiten derselben Medaille sind, die Europa von der schweren Schuld zu befreien sucht, die auf ihm lastet: Auf der einen Seite die Schuld zugeben und um Verzeihung bitten und auf der anderen Seite den Judenstaat attackieren und dadurch eine Art „moralischer Balance“ zwischen ihm und Europa herstellen (‚Wenn ihr die Macht dazu habt, stellt sich heraus, dass ihr auch nicht besser seid’). Viele andere sehen in dem Übermaß an Kritik, die sich gerade über Israel ergießt, sogar eine Art von Antisemitismus.

Aber eine Tatsache erschüttert diese Theorie: Israel ist den Pfeilen der europäischen Schuld nicht allein ausgesetzt, sondern steht dabei an der Seite der vereinigten Staaten. Auch „Onkel Sam“ wird von der europäischen Öffentlichkeit immer wieder wegen seiner Machtpolitik angegriffen, deren herausragendes Beispiel der letzten Jahre selbstverständlich die amerikanische Invasion und Kontrolle des Irak ist.

Es gibt in der Tat einen gemeinsamen Nenner zwischen der europäischen Kritik an Israel und der an den USA, und dieser gemeinsame Nenner rührt wahrscheinlich auch von den Folgen des Krieges her: Es ist dies das Phänomen des europäischen Pazifismus, die Sehnsucht, jeder Gewaltanwendung, jeder machtpolitischen Auseinadersetzung selbst mit finsteren Regimen aus dem Weg zu gehen. Dieser Instinkt macht sich insbesondere bemerkbar, wenn von einem Konflikt eines westlichen Staates mit einer Gesellschaft der ‚Dritten Welt’ die Rede ist, wie etwa der Konflikt zwischen den USA und dem Irak oder der zwischen Israel und den Palästinensern.

Das hat damit zu tun, dass dann noch ein weiterer europäischer Instinkt hinzutritt, der ebenfalls zur Geschichte gehört:  das Erbe der kolonialistischen Vergangenheit.  Dieser Instinkt lehrt die Europäer, jeden Konflikt zwischen dem Westen und der ‚Dritten Welt’ als einen kolonialistischen Konflikt zu betrachten, bei dem man sich mit dem Underdog zu identifizieren hat, mit dem, der als schwach erscheint. In diesem Zusammenhang wird Israel bei der Kritik diskriminiert, aber nicht notwendigerweise in seinem Wesen als jüdischer Staat, sondern vielmehr in seinem Wesen als westlicher Staat.

Die europäische Sünde ist somit nicht der Antisemitismus, sondern der Pazifismus, insbesondere wenn es um die Beziehung der Europäer zu westlicher Machtpolitik geht. Aber dies ist keine weniger gefährliche Sünde. Gerade der Holocaust hat bewiesen, wie gefährlich die stille Akzeptanz gegenüber bösen Mächten ist, die offen damit drohen, Macht zu übernehmen, zu erobern und zu vernichten – derart sind die islamisch-fundamentalistischen Mächte von heute - , selbst wenn sie mit gezwungenen Slogans von Kriegsvermeidung und „Frieden in unserer Zeit“ daherkommt. Der Zweite Weltkrieg hat auch beweisen, dass solche Politik letztlich nichts nützt. Sie erhöht nur erheblich den Preis, den man zahlen muss, um mit den so noch erstarkenden Mächten des Bösen fertig zu werden, und im Hinblick auf die Massenvernichtungswaffen von heute weiß man nicht, ob es nicht schon zu spät sein wird.

In diesem Sinne gibt es offensichtlich einen tieferen Zusammenhang zwischen dem europäischen Pazifismus und der niedrigen Geburtenrate auf dem Kontinent: Beide zeugen von dem Phänomen „Esse und trinke, denn morgen werden wir tot sein“, einem tiefen Misstrauen in das Leben auf lange Sicht, denn der Lebenswille, der nicht nur der des Individuums, sondern auch der der es umgebenden Zivilisation ist, fordert Opfer. Er fordert die Anstrengung, die mit dem Aufziehen von Kindern verbunden ist, wie auch die Anstrengung und das Risiko, die mit dem Kampf für die Werte der Freiheit und für die nationale und souveräne Existenz verbunden sind, damit diese für die zukünftigen Generation erhalten bleiben. Dies ist wahr in Europa, so wie es wahr in Israel ist.

(Haaretz, 30.04.08)