Dienstag, 20.05.2008




Militärgeheimdienstchef Yadlin zu den Bedrohungen Israels

II. Syrien

„Die Syrer betrachten sich militärisch noch immer unterlegen gegenüber der Luftwaffe, der technologischen Überlegenheit und den modernen Waffensystemen Israels. Daher entwickeln sie Möglichkeiten einer anderen Kriegsführung. Sie rüsten nicht mit Flugzeugen und Tankern auf, sondern mit Flug- und Panzerabwehrraketen sowie Langstreckenraketen. Dieser Trend ist schon seit einigen Jahren zu beobachten, er basiert aber auch auf den Lektionen, die Syrien aus dem gelernt hat, was es als Erfolg der Hisbollah im Jahr 2006 betrachtet. Sie stärken Elemente von Terror- oder Guerillaorganisationen: Tarnung, Täuschung, Panzerabwehrwaffen und einfache Raketen. Artillerie wird zu Infanterie und Luftwaffenausrüstung zu Boden-Boden-Raketen umgewandelt. Auf der einen Seite steigert die syrische Armee ihre Verteidigungsbereitschaft erheblich, auf der anderen Seite steigert sie ihre Fähigkeit, die israelische Heimatfront zu treffen.“

„Die Syrer investieren heute nicht wenig in die quantitative Verbesserung ihres Raketenarsenals und in die Treffsicherheit der Raketen, die die israelische Heimatfront treffen können. Gleichzeitig versteht der Syrer, dass er nicht die Hisbollah ist. Er weiß, dass er, wenn er wie die Hisbollah die israelische Heimatfront beschießt, strategische Aktiva verlieren wird. Aktiva, die einen Staat wie Syrien von einer subpolitischen Organisation wie der Hisbollah unterscheiden.“

„Während des Libanonkriegs hat der Syrer zuviel Hisbollah-Fernsehen – al-Manar – gesehen. Daher kam ihm direkt nach dem Krieg der Gedanke, er könne das, was die Hisbollah gemacht hat, auch machen. Da jedoch das strategische Denken des Syrers beeindruckend ist, hat er schnell verstanden, dass seine Lage eine andere ist als die der Hisbollah. Er hat etwas zu verlieren: eine Armee, eine Luftwaffe, eine Flotte, eine politische Infrastruktur. Daher will er es nicht zu einem umfassenden Krieg mit einer direkten Front mit Israel und den Israelischen Verteidigungsstreitkräften (ZAHAL) kommen lassen.

Dennoch dürfen wir uns nicht symmetrischem Denken hingeben. Die Kriegsziele des Syrers sind keine klassischen Kriegsziele. Er strebt nicht nach Manövern und Gebietseroberung und nicht nach einer völligen Niederlage des Staates Israel. In den Augen des Syrers ist eine Auseinandersetzung, in der weder Israel noch er gewinnt, ein Sieg für ihn. Er geht nicht davon aus, dass es ein strategisches Gleichgewicht mit Israel gibt, aber er fühlt, dass er die Fähigkeit dazu hat, mittels der negativen Aktivposten in seiner Hand den Preis für Israel zu erhöhen. Er möchte Israel in eine ihm genehme politische Lage zwingen, ohne zu einem vollen Krieg im klassischen Sinne zu gelangen.“

„Die Prioritäten des Assad-Regime sind klar: zuerst die Stabilität des Regimes, dann Libanon und zuletzt die Rückgabe des Golan. Wenn ein frieden mit Israel diesen Zielen dient, ist Assad interessiert. Ich gehe davon aus, dass Assad einer gewissen Art von Frieden zu seinen Bedingungen zustimmen wird.“

Ari Shavit: Wenn Israel sich bis zu den Waffenstillstandslinien vom 4. Juni 1967 zurückziehen und keinen Strategiewechsel von Damaskus verlangen würde – käme es dann zu einem Frieden?

„Dies sind die Bedingungen Assads. Aber auch sie lassen die Fragen der Sicherheitsregelungen, des Wassers und des Wesens des Friedens offen, die erst im Laufe von Verhandlungen besprochen werden würden. Seit den letzten Verhandlungen in Shepardstown sind  acht Jahre vergangen. In diesen Jahren haben sich bedeutsame Dinge ereignet. Die Beziehungen zwischen Syrien und der Hisbollah auf der einen und zwischen Syrien und dem Iran auf der anderen Seite sind anders als im Jahr 2000. Die Syrer haben ihren Einfluss im Libanon zum großen Teil verloren. Der Iran, der zur  strategischen Stütze Syriens geworden ist, verfolgt ihm gegenüber heute eine Umarmungstaktik, mit Waffenlieferungen, Ausbildungen, Geld. Insofern sind die Möglichkeiten Assads, sich von Syrien und der Hisbollah zu lösen, sehr viel begrenzter. Die Sache ist komplizierter.“

A.S.: D. h. im Jahr 2008 ist es schwerer, ein Friedensabkommen zu erreichen als im Jahr 2000?

„Auf jeden Fall. Das bedeutet nicht, dass man es nicht versuchen muss. Aber es ist schwieriger.“

„Die Sicherheitsregelungen, von denen im Jahr 2000 die Rede war, bezogen sich auf die Bedrohung durch Angriffsdivisionen. Heute müsste man sich auch mit der Bedrohung durch Boden-Boden-Raketen beschäftigen. 2000 wurden die Verhandlungen unter amerikanischer Ägide geführt, mit amerikanischer Ermutigung und mit der amerikanischen Bereitschaft, beide Seiten für ihre Zugeständnisse mit alternativen Angeboten zu kompensieren. Heute ist die Haltung der Amerikaner weniger enthusiastisch.“

„Aus Sicht der Syrer ist der Frieden mit Israel eine Art notwendiges Übel, um andere Ziele erreichen zu können. Der tiefe Wille der Syrer geht dahin, aus der beinahe lepraartigen politischen Isolation heraustreten zu können, in der sie sich befinden. Israel allein kann dem Syrer nicht die Tore der Welt öffnen. Jemand anders muss ihm dies bieten. Daher wartet Assad auf den Moment, in dem die amerikanische Regierung wechselt und ihm Israel das gibt, was er sich wünscht.“

A.S.: Im Prinzip schätzen Sie, dass ein Friedensprozess mit Syrien im Jahr 2009 Aussicht hat, nicht jetzt?

„Genau so.“

„Assad will zu einem Frieden mit Israel zu seinen eigenen Bedingungen gelangen. Anders als andere Staaten der Achse des Bösen, die Israel nicht anerkennen, nicht in Verhandlungen mit ihm eintreten wollen und nur die militärische Option gegen Israel anerkennen, gehört Assad zu dem Lager, das sich beide Optionen vorbehält. Assads öffentliche Worte über seine Verhandlungsbereitschaft stellen jedoch einen kurzfristigen Schritt dar, der mit anderen Dingen zusammenhängt. Es handelt sich um einen Versuch, das internationale Tribunal zur Untersuchung der Ermordung [des früheren libanesischen Ministerpräsidenten] Hariri anzuhalten; einen Versuch, den Eindruck zu überdecken, der von dem US-Bericht über das, was in Deir al-Zur in Ostsyrien entwickelt wurde, geweckt worden war; und den Versuch, eine Eskalation zu verhindern.“

„Der natürliche Ort des Syrers ist nicht die schiitisch-radikale Achse Teheran-Hisbollah-Hamas. Die Syrer sind mehrheitlich Sunniten, nicht Schiiten. Syrien ist ein säkularer Staat, daher ist es kein natürlicher Freund der Achse des Bösen. Die strategischen Umstände haben Syrien dahin geführt. Syrien hat gute Gründe, zu einem Frieden mit Israel zu gelangen und es kann auf jeden Fall ins andere Lager überwechseln, wenn es eine angemessene Gegenleistung erhält.
Syrien hat nicht die Sadatsche Haltung eines ‚no more war’ in Hinsicht auf ein Ende des Blutvergießens, aber wenn machiavellistische strategische Gründe es ihm vorschreiben, zur Friedensachse zu wechseln, wird es dies tun.“

(Haaretz, 16.05.08)