Donnerstag, 22.05.2008




Militärgeheimdienstchef Yadlin zu den Bedrohungen Israels

IV. Hamas

„Seit der Abkoppelung und ganz sicherlich seit der Machtübernahme in Gaza, versucht die Hamas eine Armee aufzubauen. Sie durchläuft einen ähnlichen Prozess wie die Hisbollah: den Übergang von einer Terrororganisation zu einer halbmilitärischen Organisation mit Kompanien, Bataillonen und Brigaden. Die Hamas verknüpft heute Terrorkompetenz mit Charakteristika einer Armee, die Fähigkeiten zu punktuellen Angriffen, eine begrenzte Artilleriemacht und vor allem die Fähigkeit zum Umgang mit einer israelischen Bodenoffensive hat. Die Schaffung eines Abschreckungsgleichgewichts gegenüber Israel ist das Rational, das der Aufrüstung der Hamas zugrunde liegt. Diese Balance beruht auf der Fähigkeit der Hamas, die Zivilbevölkerung im Grenzgebiet zum Gaza-Streifen und danach auch tiefer im israelischen Kernland unter Beschuss zu nehmen. Es ist das Hisbollah-Modell, aber die Hamas ist noch weit davon entfernt, eine Hisbollah zu sein.“

„Die Waffen mit steiler Flugbahn wurden von der Hamas aus primitiveren Raketen  mit einer Reichweite von einigen Kilometern (9 oder sogar 13 Km) entwickelt. Heute beschäftigt sich die Hamas hauptsächlich mit dem Versuch des Schmuggels von Standardraketen nach Gaza. Die Reichweite dieser Raketen, 122mm-Katyushas, beträgt gewöhnlich etwa 20 Km. Bereits heute verfügt die Hamas zumindest über einige Dutzend, womöglich Hunderte solcher Raketen. Sie hat die bedeutsame Fähigkeit zu einer Reichweite von etwa 20 Km. Die Hamas will hier jedoch nicht anhalten; sie will Raketen mit einer noch längeren Reichweite bekommen. Ich erinnere daran, dass es der Hisbollah geglückt ist, Raketen mit einer Reichweite von 40 KM zu erhalten. Daher denke ich, dass das Ziel klar ist. Wenn die Angelegenheit nicht behandelt wird, wird die Hamas zusätzliche Städte in ihre Schussweite hineinziehen.“

„Jede Ortschaft im Umkreis von 40 Km wird in die Reichweite gelangen. Ashdod, Kiryat Gat und sogar Be’er Sheva.“

Ari Shavit: Ist der seit zwei Jahren herrschende Zustand an der Grenze zum Gaza-Streifen erträglich?

„Diese Frage ist keine geheimdienstliche, sondern eine politische Frage. Geheimdienstlich betrachtet kann man sagen, dass der gegenwärtige Zustand nicht mehr lange fortdauern kann. Er kann durch eine Behandlung der Fähigkeiten des Schießenden oder durch eine Behandlung seiner Absichten beendet werden. Es ist klar, wie die Fähigkeiten behandelt werden können. Die Behandlung der Absichten kann mittels Regelungen oder Abschreckung durchgeführt werden; durch die Einsicht der Hamas, dass der Preis, den sie für den Beschuss zahlen wird, sehr sehr hoch ist.“

„Die Bodenaufstellung der Hamas basiert auf unterirdischen Stellungen, Sprengsätzen und Scharfschützen. Die Hamas bereitet sich darauf vor, dass Israel sich für eine Bodenoffensive entscheidet, und tut alles, um ihm eine Aktion wie die Operation Schutzschild [Einsatz der israelischen Armee im Westjordanland im Frühjahr 2002] zu erschweren.  Die Hamas hat eine Anzahl von Brigaden aufgestellt. Zusätzlich dazu herrscht sie über die Polizei und hat Sicherheitskräfte aufgebaut, die eine kriegerische Anstrengung zu unterstützen wissen.“

A.S.: Kann man zu einem Frieden mit der Hamas gelangen?

„Es ist wichtig, zwischen drei Begriffen zu unterscheiden. Frieden, Hudna und Tahadiyah. Der Begriff Frieden mit Israel existiert in der Terminologie der Hamas nicht. Die Hamas könnte sich aus der Blockade befreien, wenn sie bereit wäre, über Frieden und die Anerkennung Israels zu reden. Sie tut dies nicht. Wenn sich die Hamas unter militärischem Druck befindet, stimmt sie dem zu, was sie Hudna nennt. Die Hudna ist eine Feuerpause, für die die Hamas mehr fordert, als Arafat für ein Friedensabkommen mit Israel gefordert hat. Die Hamas gibt sehr viel weniger als Arafat und fordert sehr viel mehr: Rückkehr zu den Grenzen von 1967 bis zum letzten Zentimeter, Rückkehr nach Jerusalem und Rückführung der Flüchtlinge.“

A.S.: Sie sagen also, dass eine Hudna mit der Hamas unmöglich ist?

„Solange dies die Bedingungen der Hamas sind, scheint die Hudna unmöglich.“

„Die Tahadiyah ist ein noch schwächerer Begriff, der Beruhigung bedeutet. Die Hamas will die Tahadiyah sehr. Sie versteht, dass ihre Lage in Gaza politisch, wirtschaftlich und öffentlich  schwer ist. Daher sucht sie nach Beruhigung. Auch die Öffentlichkeit in Gaza bittet sie um Beruhigung. Die Tahadiyah soll die Spannung herabmindern, in der sich die Hamas als Terrororganisation befindet, die als Regierung für die Bürger verantwortlich ist und an der Fortdauer ihrer Herrschaft interessiert ist.“

A.S.: Wird eine Beruhigung zum Erstarken der Hamas beitragen und Israel in der Zukunft gefährden?

„Wenn ein Ende des Waffenschmuggels nicht Teil der Beruhigung sein wird und die Waffenproduktion im Gaza-Streifen fortdauert, wird die Hamas im Laufe der Tahadiyah erstarken. Sollte die Einstellung des Waffenschmuggels und der Waffenproduktion sichergestellt werden, wäre die Antwort eine andere.“

„Die Tahadiyah, wie sie zwischen dem ägyptischen Geheimdienstchef Omar Suleiman und der Hamas vereinbart worden ist, löst vielleicht kurzfristig das Problem des Terrors aus Gaza. Aber langfristig bietet sie keine Antwort auf den kontinuierlichen Schmuggel und oder die Aufrüstung der Hamas. Auch die Trennung von der Freilassung von [dem entführten Soldaten] Gilad Shalit ist problematisch.“

„Das langfristige strategische Ziel der Hamas ist, dass der Staat Israel verschwindet und der palästinensische Staat, der ihn ersetzt, ein Staat nach dem islamischen Religionsgesetz wird. Aber die Hamas hat auch kurzfristigere Ziele: ihre Herrschaft in Gaza zu konsolidieren, die Blockade Gazas aufzubrechen, über die palästinensische Politik zu bestimmen, eine Abschreckung gegenüber Israel zu schaffen und die Kämpfe gegen Israel fortzuführen. Man achte auf die Reihenfolge. Sie ist das wichtigste in Bezug auf die Einschätzung der zukünftigen Positionen der Hamas.“

„Die Tatsache, dass eine Terrororganisation gleichzeitig die Regierung stellt, macht die Situation im Gaza-Streifen außergewöhnlich und auch sehr interessant. Die Notwendigkeit der Zurechnungs- und Verantwortungsfähigkeit steht in starker Spannung zur gotteskriegerischen Einstellung. Gaza ist nach dem Sudan der zweite Fall in der Geschichte, in dem die Muslimbrüder-Bewegung über einen arabischen Staat herrscht. Der Beweis, dass ein solcher Staat möglich ist, ist ein sehr wichtiges strategisches Ziel für die Hamas.“

(Haaretz, 16.05.08)