Dienstag, 16.09.2008




Der Mythos von Al-Aqsa

Von Mordechai Kedar

Als der Prophet Mohammed den Islam gründete, führte er nur ein Minimum von Innovationen ein. Er verwendete die geheiligten Figuren, historischen Legenden und heiligen Stätten des Judentums, des Christentums und selbst des Heidentums, indem er sie islamisierte. So war gemäß dem Islam Abraham der erste Muslim, und Jesus und Johannes waren die Propheten und Wächter des zweiten Himmels. Viele biblische Legenden („asatir al-awwalin“), die den heidnischen Arabern vor der Morgenröte des Islam vertraut waren, durchliefen eine islamische Konversion, und sowohl der Koran als der Hadith (die mündliche Überlieferung des Islam) sind voll davon.

Die Islamisierung wurde sowohl an Orten als auch Personen vorgenommen: Mekka und der heilige Stein – al-Ka’bah – waren heilige Stätten der vorislamischen heidnischen Araber. Die Umayyad-Moschee in Damaskus und die Große Moschee in Istanbul wurden über christlich-byzantinischen Kirchen errichtet – zwei der bekannteren Beispiele dafür, wie der Islam mit Heiligtümern anderer Glaubensrichtungen umgeht.

Auch Jerusalem hat den Prozess der Islamisierung durchlaufen: Zuerst versuchte Mohammed, die Juden nahe Medina zum Beitritt zu seiner jungen Gemeinde zu überzeugen und führte – zur Überredung, indem er den jüdischen Brauch einhielt - die Gebetsrichtung (kiblah) gen Norden, gen Jerusalem ein. Nachdem er aber bei diesem Versuch gescheitert war, wandte er sich gegen die Juden, tötete viele von ihnen und richtete die kiblah südwärts, gen Mekka.

Mohammeds Preisgabe Jerusalems erklärt die Tatsache, dass die Stadt kein einziges Mal im Koran erwähnt wird. Nachdem die Muslime Palästina erobert hatten, war Ramlah (30 Km westlich von Jerusalem) seine Hauptstadt, womit angedeutet wurde, dass Jerusalem ihnen nichts bedeutete.

50 Jahre nach Mohammeds Tod entdeckte der Islam Jerusalem neu. Im Jahr 682 rebellierte Abd Allah ibn al-Zubayr gegen die islamischen Machthaber in Damaskus, eroberte Mekka und blockierte den Pilgern den Zugang zur Stadt zum Hajj. Abd al-Malik, der Umayyaden-Kalif, benötigte eine alternative Pilgerstätte und entschied sich für Jerusalem, das damals unter seiner Kontrolle war.  Um seine Wahl zu rechtfertigen, wählte er einen Vers aus dem Koran (17,1), in dem es heißt: „Ruhm sei ihm, der seinen Diener veranlasst hat, bei Nacht von der Heiligen Moschee zur Entferntesten Moschee zu reisen, deren Bezirk wir gesegnet haben, um ihm einige unserer Zeichen zu zeigen, Er ist wahrlich der All-Hörende, All-Sehende.“

Die Bedeutung, die dem Vers zugeschrieben wurde, liegt darin, dass die „Entfernteste Moschee“ (al-masgid al-aqsa) in Jerusalem ist und dass Mohammed dort eines Nachts auf dem Rücken des al-Buraq erschien, einem magischen Pferd mit dem Kopf einer Frau, den Flügeln eines Adlers, dem Schwanz eines Pfaus und Hufen bis zum Horizont. Er band das Pferd an der Westmauer des Tempelbergs an und stieg von dort gemeinsam mit dem Engel Gabriel in den siebten Himmel auf. Auf seinem Weg traf er die Propheten anderer Religionen, die die Wächter des Himmels sind.

So versucht der Islam sich über andere, ältere Religionen zu legitimieren, indem er ein Szenario schafft, in dem die vorigen Propheten Mohammeds Meisterschaft zustimmen und ihn dadurch zum Khatam al-Anbiya („Siegel der Propheten“) machen.

Es ist nicht verwunderlich, dass dieser wundersame Bericht einer Anzahl von Grundsätzen des Islam zuwiderläuft. Wie kann ein lebender Mann aus Fleisch und Blut in den Himmel aufsteigen? Wie kann eine mythische Kreatur einen Sterblichen zu einem wirklichen Ziel führen? Fragen wie diese haben orthodoxe muslimische Denker zu dem Schluss bewogen, dass die nächtliche Reise ein Traum Mohammeds gewesen sei. Die Reise und der Aufstieg ermöglichen es dem Islam, gegenüber der Bibel noch „eins draufzusetzen“: Moses stieg „nur“ den Berg Sinai hinauf und kam dem Himmel nahe, während Mohammed den ganzen Weg hinauf zu Allah ging, und das noch aus Jerusalem selbst.

Worin liegen die Schwierigkeiten mit dem Glauben, dass die in der islamischen Überlieferung beschriebene Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem liegt? Erst einmal glaubten die Leute von Mekka, die Mohammed gut kannten, diese Geschichte nicht. Lediglich Abu Bakr (später der erste Kalif) glaubte daran, weswegen er al-Siqqid („der Gläubige“) genannt wurde. Die zweite Schwierigkeit liegt darin, dass die islamische Überlieferung uns erzählt, dass die Al-Aqsa-Moschee nahe Mekka auf der Arabischen Halbinsel liegt. Dies wurde im „Kitab al-Maghazi“, einem Buch des muslimischen Historikers und Geographen al-Waqidi  eindeutig festgestellt. Al-Waqidi zufolge gab es zwei „masjed“ (Gebetsorte) in al-Gi’irranah, einem Dorf zwischen Mekka und Ta’if – einer war die „nähere Moschee“ (al-masjid al-adna) und die andere die „entferntere Moschee“ (al-masjid al-aqsa), und Mohammed betete dort, wenn er die Stadt verließ.

Die Beschreibung al-Waqidis, die von einer Reihe von Autoritäten (isnads) unterstützt wurde, war der islamischen Propaganda des 7. Jh. nicht ‚genehm’. Um eine Basis für das Bewusstsein der „Heiligkeit“ Jerusalems im Islam zu schaffen, erfanden die Kalifen der Umayyaden-Dynastie viele „Traditionen“, die den Wert Jerusalems hochhielten, wodurch die Pilgerfahrt nach Jerusalem für gläubige Muslime gerechtfertigt wurde. So wurde al-Masjid al-Aqsa nach Jerusalem ‚transportiert’. Es sei betont, dass sich auch Saladin den Mythos von al-Aqsa und die dazugehörigen Traditionen zu Eigen machte, um die muslimischen Krieger im 12. Jh. gegen die Kreuzfahrer zu rekrutieren und anzustacheln.

Ein anderes Ziel der Islamisierung Jerusalems ist die Unterminierung der Legitimität der älteren Religionen, Judentum und Christentum, gewesen, die Jerusalem als heilige Stadt betrachten. Der Islam wird als die einzig legitime Religion präsentiert, die die anderen beiden ersetzen soll, da sie das Wort Gottes verändert und entstellt hätten, jeder auf seine Weise.

Während Judentum und Christentum Seite an Seite in Jerusalem existieren können, betrachtet der Islam sie beide als Verrat an Allah und seinen Lehrern; er hat stets alles in seiner Macht stehende getan (und wird es auch weiter tun), um beide aus der Stadt zu vertreiben. Es ist interessant zu sehen, dass diese Vertreibung rückwirkend ist: Die islamischen Sprecher des palästinensischen Radios behaupten durchgehend, dass die Juden nie einen Tempel auf dem Tempelberg gehabt hätten und bestimmt nicht zwei (Wo hat dann - ihnen zufolge - Jesus gepredigt?).

Yasser Arafat, selbst ein säkularer Mann (man frage die Hamas!), tat genau das, was die Kalifen der Umayyaden-Dynastie vor 1300 Jahren getan haben: Er ordnete die Heiligkeit Jerusalems für seine politischen Ziele an. Er habe die Kontrolle über Jerusalem nicht den Juden übertragen dürfen, da sie laut dem Islam unrein sind und der Zorn Allahs auf ihnen ruht. Mehr als das, die Juden seien die Söhne von Affen und Schweinen. Die Juden seien diejenigen, die die heiligen Schriften verzerrten, die ihn offenbart worden waren, und Gottes Zeichen leugneten. Seit sie den Bund mit ihrem Gott brachen, verfluchte Er sie, und sie sind auf ewig die Erben der Hölle. Wie also hätte Arafat Jerusalem den Juden übergeben können?

Die palästinensischen Medien sind heute voll von Botschaften des Jihad und rufen dazu auf, den nationalpolitischen Krieg zwischen Israel und den Palästinensern in einen religiös-islamischen Krieg zwischen Juden und Muslimen zu verwandeln. Das Christentum ist für sie nicht besser als das Judentum, da beide ihr Recht auf die Herrschaft über Jerusalem ‚verspielt’ hätten. Nur der Islam – Din al-Haqq („die Religion der Wahrheit“) – hat das Recht dazu, und zwar für immer.

Da die Heiligkeit Jerusalems für den Islam seit eh und je nicht mehr als eine politisch motivierte Heiligkeit gewesen ist, würde sich jeder muslimische Führer, der es aufgeben sollte, sein Todesurteil einhandeln. Müssen das Judentum und das Christentum auf die Mythen eingehen, die in den islamischen Texten erwähnt und in Mohammeds Träumen ausgemalt wurden, lange nachdem sich Jerusalem als das antike, wahre Zentrum dieser beiden Religionen, die dem Islam vorangingen, herausgebildet hat? Soll Israel seine Hauptstadt aufgeben, nur weil einige Muslime entschieden haben, die politischen Probleme der Umayyaden wieder aufzubereiten, 1250 Jahre nachdem der Vorhang über ihre Rolle in der Geschichte gefallen ist?

Dr. Mordechai Kedar ist Lecturer an der Abteilung für Arabisch an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan.

(Yedioth Ahronot, 15.09.08)