Mittwoch, 12.11.2008




Jerusalem rasiert sich

Von Shahar Ilan

Die Wähler Barkats haben gestern versucht, den Bewohners Israels und auch sich selbst die Botschaft zu übermitteln: Unsere Stadt hat keinen Bart. Noch nicht. Dies ist keine ultra-orthodoxe Stadt. Noch nicht. Denn mehr als alles andere gingen die Wahlen um das Image der Stadt, um ihr Gesicht, und die Bewohner Jerusalems haben eine Stadt gewählt, die sich rasiert.

Das Zünglein an der Waage bei den Wahlen in Jerusalem waren gerade die Nichtwähler, d. h. die Säkularen, die Traditionellen (Masortim) und die Religiösen, die bei den vorherigen Wahlen nicht ihre Stimme abgaben. Nir Barkat konnte im Kreis derer, die beim letzten Mal wählten, nicht siegen, da es unter ihnen nicht genug Nicht-Orthodoxe gab. Meir Porush konnte im Falle hinzukommender Wählermassen nicht gewinnen, da es unter ihnen dann zu wenig Orthodoxe gegeben hätte.

Porush versuchte, die Gleichgültigkeit der Jerusalemer zu bewahren, indem er sein Antlitz verbarg und das Bild eines netten orthodoxen Onkels verbreitete. Anscheinend hatten sie trotzdem Angst.

Der orthodoxe Bürgermeister Uri Lupolianski versicherte vor fünf Jahren, er wolle der Bürgermeister für alle sein, bildete jedoch eine von den Orthodoxen beherrschte Koalition und ließ Barkat außen vor. Im Laufe von fünf Jahren fühlten die Säkularen und auch die Nationalreligiösen, dass sie aus Sicht der Stadtverwaltung kein Teil dieser Stadt waren. Sie waren nicht bereit, die Versicherungen Porushs zu prüfen, gerade er werde der Bürgermeister aller sein; insbesondere da klar war, dass dies die letzte Gelegenheit für einen säkularen Bürgermeister sein würde.

Es ist klar, was in der Ära Barkat nicht in Jerusalem passieren wird: Es wird nicht zu einer Stadt ohne Pause werden, das Anwachsen der Orthodoxie wird nicht gestoppt werden, und es wird auch nicht viele neue Arbeitsplätze geben. Auf der anderen Seite muss sich die Linke nicht sorgen. Auch das Viertel in Anata wird nicht so schnell gebaut werden, und Barkat wird am Tempelberg nicht überflüssige Streitigkeiten mit dem Waqf beginnen. Denn derart sind die Wahlen in Jerusalem beschaffen. Sie beschäftigen sich mit vielen Fragen, auf die die Stadt fast keinen Einfluss hat.

Auch in der Ära Barkat werden die Orthodoxen wahrscheinlich Teil der Koalition bleiben, da es beinahe unmöglich ist, die Stadt ohne Yahadut Hatorah und Shas zu verwalten. Was wird sich also ändern in Jerusalem? Es wird wieder eine Stadt wie alle Städte werden. Eine Stadt, deren Bürgermeister sich nicht mit dem Rabbi Elishav bespricht, eine Stadt, deren Bürgermeister möchte, dass in ihr Sakuläre bleiben (auch wenn er in der Sache nicht viel ausrichten kann), eine Stadt, in der Kultur- und Jugendzentren nicht weniger wichtig sind als Synagogen. Dies ist nicht wenig. Und selbstverständlich werden die Bewohner des Großraums Tel Aviv (Gush Dan) den Jerusalemern in den kommenden Jahren nicht sagen können, dass Jerusalem bereits verloren ist.

(Haaretz, 12.11.08)