Montag, 01.12.2008




Der Islam als Geisel

Von Sultan al-Kassami

„Sie schlagen mit Gewalt gegen meine Tür, aber ich mache nicht auf, ich verhalte mich still“, der Mann am Telefon hält einen Moment inne, um Luft zu holen, und fährt fort: „Aber ich bin okay.“ Dies ist Rashid al-Awais, ein 40jähriger Marmorhändler aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der vergangene Woche geschäftlich nach Mumbai gekommen war.

Rashid, Muslim und Araber, war eine der Geiseln, die in die Terroranschläge der feigen Verbrecherbande hineingeraten waren. Die zitierten Worte sprach er am Donnerstagabend im Fernsehen von Dubai, von seinem Zimmer im Oberoi-Hotel aus, in dem er seit Beginn des Angriffs eingesperrt war. Die Vereinigten Arabischen Emirate waren selbstverständlich einer der ersten Staaten, die das „abscheuliche Verbrechen“ anprangerten.

Die Situation der Emirate ist einzigartig: Ihre Beziehungen mit Indien bestehen schon Jahrhunderte und die sorglose indische Gemeinde, die auf ihrem Territorium lebt, stellt dort die größte Gemeinde von Ausländern dar. Der aus 56 Mitgliedern bestehende Weltislamrat hat die Terroranschläge ebenfalls verurteilt und erklärt, dass diese Gewalttaten „jedem humanen Wert zuwiderlaufen“. Die Organisation fügte hinzu, dass es „nichts gibt, was diese Taten rechtfertigen kann“ – und dies ist hier der Schlüsselsatz.

Seit den abscheulichen Angriffen des 11. September leben die gemäßigten Muslime in ständiger Angst vor jenen „heiligen Aktionen“, bei denen ihre Religion, deren Bedeutung der Frieden ist, als Vorwand für Gräueltaten fungiert. Tatsächlich stoßen sie jedes Mal einen Seufzer der Erleichterung aus, wenn sich herausstellt, dass die Verantwortlichen für irgendeine Gewalttat keinen islamisch-fundamentalistischen Hintergrund haben; so war es beim Massaker in der Virginia Tech University im April 2007, bei dem 32 Menschen, hauptsächlich Studenten, von einem südkoreanischen Staatsbürger ermordet wurden.

Es sei daran erinnert, dass so wie Rashid Al-Awais auch Muslime Opfer der Terrortaten sind und es auch nicht-muslimische Organisationen gibt, die Terrortaten verüben, wie die baskische Untergrundorganisation in Spanien und die tamilischen Tiger in Sri Lanka, eine Organisation, die für den Tod von mehr als 60 000 Menschen und mehr als 200 Terroranschläge verantwortlich ist; bei einem von ihnen wurde der indische Ministerpräsident Rajiv Gandhi ermordet.

Die Terrorattentäter in Mumbai hätten kein eindrucksvolleres Symbol des Humanismus als Indien wählen können, mit seinem wundervollen ethnischen Mosaik – ein Mosaik, das weiter strahlen wird trotz der Verbrechen einer nicht-repräsentativen Minderheit, die den Islam’ als Geisel nimmt’, wenn sie die Miserabilität ihrer Existenz nicht ertragen kann.

Indien ist eine stolze  Nation, in der die Hindi-Mehrheit in Harmonie mit zahlreichen Minderheiten lebt, wie bspw. der muslimischen, die dort auch gedeihen können. Dies ist das Land, in dem ein Junge namens Abdul Kalam, der Zeitungen verkaufte, um sein Studium zu finanzieren, zum Präsidenten von einer Milliarde Menschen wurde; in dem ein junger Mann mit einem Abschluss von der Stanford University namens Azim Premji aus einem gescheiterten Familienunternehmen den High-Tech-Giganten Wipro machte; in dem ein muslimischer Waisenknabe namens Sharuk Chan zum Kino-Star wurde und ein hinduistische Frau heiratete, mit der er zuhause beide Religionen ehrt.

Was aber am wichtigsten von allem ist: Indien ist ein Staat von gewöhnlichen Frauen und Männern, Hindus, Christen und Muslimen, die morgens aufstehen und zu einem langen und harten Arbeitstag aufbrechen, um das Leben ihrer Familien zu verbessern.

Diese humanistische Vision verträgt sich nicht mit der Weltanschauung von Terroristen und gehirngewaschenen Gewalttätern, die ebenfalls morgens aufstehen und ihre Familien verlassen – für eine Mordexpedition.

Es reicht nicht aus, dass gemäßigte Muslime sich gegen die Terrorfahrt in Mumbai erheben, so wie sie sich gegen die Terrorangriffe in New York, Amman, London, Madrid, Baslan, Jerusalem, Bagdad und zahlreichen anderen Orten erheben. Es ist Zeit, aufzustehen und eindeutige Worte gegen die zu sprechen, die unsere Religion von uns geraubt haben, und sie uns zurückzuholen.

Die Muslime müssen ihre Stimme erheben gegen diese Verbrechen, und die islamischen Staaten müssen rechtzeitig handeln, um ein Heilmittel gegen die Plage zu entwickeln. Die islamischen Staaten  müssen eine präventive Offensive gegen diese Terroristen führen und wichtiger noch – gegen ihre Unterstützer. Man muss die muslimischen Prediger umerziehen, die den Terror nicht verurteilen, oder ihnen vollständig ihre Autorität entziehen; und diejenigen, die den Terror vor dem Hintergrund bestimmter Konflikte rechtfertigen, müssen zum Schweigen gebracht werden, da das Gift, das sie spritzen, morgen auf uns zurückfallen wird.

Auch die Medien können bei dem Kampf gegen die Propaganda behilflich sein, die die Terroristen verbreiten. Die Geschichten der Fundamentalisten, die bereut haben, müssen im Kreis der ungebildeten Minderheit verbreitet werden. Unsere Botschaft muss klar sein: „Diese Gewalttaten stehen im absoluten Gegensatz zu jedem humanen Wert, und es gibt nichts, was sie rechtfertigen kann.“

Sultan al-Kassami ist ein Geschäftsmann aus Schardscha, einem Emirat am Persischen Golf, und Absolvent der American University of Paris.

(Haaretz, 01.12.08)

Die im Newsletter veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder.