Donnerstag, 29.01.2009




Lob der Klarheit

Von Gadi Taub

Die Haltung gegenüber der Militäroperation in Gaza hat uns mehr denn je in die Lage versetzt, die Aufrüttelung im Lager der israelischen Linken zu erkennen und klarer zwischen den verschiedenen Positionen zu unterscheiden, die sich unter dem Ausdruck ‚Links’ versammeln.
Am einen Ende des Spektrums haben wir das, was man als die radikale (oder postzionistische) Linke bezeichnet. Dieses linke Lager, das zum größten Teil in den Universitäten und ein wenig in den Medien zu finden ist, hat eine Doppelnatur: Es wird von einem starken antiisraelischen Sentiment angetrieben, und seine Argumente stützen sich auf die Sensibilität gegenüber den Menschenrechten.

Seit den Anschlägen vom 11. September und mehr noch seit dem Aufstieg der Hamas ist viel vom Prestige dieses Lagers dahingeschwunden: Seine Sensibilität gegenüber Menschenrechtsverletzungen Israels vis-à-vis der Indifferenz gegenüber den Menschenrechtsverletzungen von Israels Feinden haben seine Glaubwürdigkeit innerhalb des linken Lagers selbst ausgehöhlt. Wie sich herausgestellt hat, ist die radikale Linke bereit, die schlimmsten Menschenrechtsverletzer zu verteidigen, solange dies der Verunglimpfung Israels dient.

Der Gaza-Feldzug hat diese Linken dazu gezwungen, sie auf die Opferzahl zu konzentrieren. Sie hat diesmal allerdings nicht helfen können. Es war zu offensichtlich, dass Israel infolge der andauernden Angriffe auf seine Bürger, die trotz des vollständigen Rückzugs Israels aus dem Gaza-Streifen verüben worden sind, keine andere Wahl hatte, als diesen Einsatz durchzuführen.

Daher war die radikale Linke gezwungen, sich auf das Argument zu stützen, das sie mit der weniger radikalen Linken gemeinsam hat – dem linken Lager, dass noch zionistisch ist, wenn auch kaum. Dieses Lager verachtet den jüdischen Staat nicht grundsätzlich, sondern nur in der Praxis: Es glaubt, dass Israel es stets vorzieht, Gewalt anzuwenden, statt den Pfad des Friedens einzuschlagen.

Hier versuchte man, die Verantwortung für den Krieg Israel anzulasten. Angehörige dieses Lagers haben uns erzählt, dass sich Israel aus Gaza zurückgezogen hat, dieses jedoch durch die Blockade zu einem Gefängnis gemacht hat. Es habe sich geweigert, in Verhandlungen einzutreten und die militärische Option bevorzugt.

Dieses Argument macht eine recht erhebliche Umschreibung der Geschichte notwendig. Die Übergänge zum Gaza-Streifen wurden infolge der Raketenangriffe (teilweise und gelegentlich) abgesperrt und nicht umgekehrt. Tatsächlich hat Israel die Übergänge für die meiste Zeit der Feuerpause geöffnet, jedes Mal wenn die Hamas so freundlich war, die Waffenruhe einzuhalten.

Zweitens wurde Gaza auch dann, wenn die Übergänge geschlossen waren, nicht zu einem Gefängnis und war keiner Blockade ausgesetzt. Schließlich hat es eine Grenze zu Ägypten.

Drittens hat Israel sich faktisch in Verhandlungen begeben (über eine dritte Partei), während es die Hamas war, die die Feuerpause beendete.

Insofern war es schwer, die Israelis davon zu überzeugen, dass sie es sind, die hier nach Jahren der Zurückhaltung (die an Fahrlässigkeit grenzte) die angriffslustige Seite darstellen. Folglich machte die kaum-zionistische Linke dieses Mal auch kaum einen Eindruck.

Die wahre zionistische Linke hat diese Argumente zu ihrer Linken nicht akzeptiert; jedenfalls im Grundsatz hat sie die Operation größtenteils unterstützt. Sie hatte freilich bessere Gründe dafür als die Schwäche der ‚radikalen’ Argumente: Es wurde schnell deutlich, dass jeder, der die Teilung des Landes zu fördern wünscht, eine entschlossene Antwort auf die Raketenbedrohung parat haben muss. Und wenn wir an der Teilung des Landes scheitern, wird der Zionismus auf lange Sicht im binationalen Sumpf versinken.

Mit anderen Worten: Die zionistische Linke hat wirklich verstanden, dass die Operation notwendig war, eben gerade um diese Agenda zu verfolgen. Daher ist es diesmal zu einem fundamentalen Schisma zwischen diesem Lager und den Radikalen gekommen – denen die Friedensgeräusche machen, es dabei aber vorziehen, sich in moralistischen Posen zu ergehen, während man sich seine Hände schmutzig machen muss, um die Teilung voranzubringen.

Die zionistische Linke hat indes weiterhin zwei Seiten: diejenigen, die noch denken, dass Mahmoud Abbas nach der  Teilung strebt, und diejenigen, die wissen, dass wir uns einseitig vom Binationalismus verabschieden und den Palästinensern die Unabhängigkeit aufdrängen müssen.

So oder so, eine adäquate Reaktion auf die Raketen ist ein Muss.

(Yedioth Ahronot, 29.01.09)

Die im Newsletter veröffentlichten Kommentare geben nicht grundsätzlich den Standpunkt der israelischen Regierung wieder.



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