Mittwoch, 08.07.2009




Narrative Dissonanz
Der Chefredakteur der US-amerikanischen Zeitschrift The New Republic hat sich in einem längeren Artikel kritisch mit der Kairoer Rede von US-Präsident Obama auseinandergesetzt, die sich seiner Ansicht nach unter Vernachlässigung der historischen Wirklichkeit einseitig die arabische Sichtweise auf den israelisch-palästinensischen Konflikt zu Eigen gemacht hat.

Ein zentraler Kritikpunkt Peretz’ zielt auf die Ausblendung der zionistischen Vorgeschichte des Staates Israel.

„Was am unverfrorensten oder, im günstigsten Fall, bizarr an Obamas Vortrag ist, ist die gänzliche Auslassung des gesamten zionistischen Unternehmens. Stattdessen entschied er sich dazu, die jüdische Präsenz in Palästina als eine Art Entschädigung für den Holocaust zu verstehen. Für den Präsidenten verlangt die Balancierung von Ansprüchen – und sie müssen immer balanciert werden; er toleriert keine Asymmetrien, die seine göttliche Ausgewogenheit unmöglich machen würden – nach einer Verzerrung dessen, was tatsächlich geschehen ist. Zuerst musste die Entschlossenheit des jüdischen Volkes über die Jahrhunderte, und vor allem seit dem Zeitalter des Nationalismus Mitte des 19. Jahrhunderts,  verkleinert werden, ihr  Heimatland zurückzufordern, seinen Boden von der Verwahrlosung zu befreien und seine verstreuten Söhne und Töchter nach Zion zurückzuführen – all dies nicht als Wiedergutmachung, sondern als Recht. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach – also noch vor dem Holocaust -, gab es bereits mehr als 500 000 Juden in Palästina. Die meisten von ihnen waren als greifbare Antwort auf die Balfour-Erklärung von 1917, auf die Bewilligung eines britischen Mandats für eine jüdische Heimstätte in Palästina durch den Völkerbund im Jahr 1922 und auf die Empfehlungen der Peel-Kommission für eine Zwei-Staaten-Lösung gekommen. Nichts davon ist, noch nicht einmal im Ansatz, in den Text des Präsidenten eingeflossen, vielleicht weil es die Klarheit des Arguments vom gleichberechtigten Anspruch verwischt hätte.

Was sich der Präsident vielleicht nicht aus der Geschichte, die er studiert hat, in Erinnerung ruft, ist, dass die jüdische Souveränität im Nachkriegspalästina nur eine der zahlreichen Neuordnungen war, die für die riesigen, einst vom nun erloschenen Osmanischen Reich beherrschten Gebiete angedacht worden waren. Aus dieser Landmasse entstanden der Libanon, Syrien, Irak, Nordjemen und verschiedene andere Grenzregelungen im Namen des Wilsonschen Prinzips des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Diese Länder, die beinahe den gesamten Fruchtbaren Halbmond umfassen, wurden den Arabern gewährt, ihre ersten Experimente der Selbstverwaltung in der Geschichte. (Haben diese Experimente funktioniert? Das zu beurteilen, bleibt jedem von uns selbst überlassen.) Das winzige Palästina war für die Juden gedacht. Sie waren bereits am Werk in der Wüste, in den Sümpfen, in ihren Kibbutzim, in ihren neuen Städten, einschließlich Tel Aviv, in ihren bürgerlichen Unternehmungen, in ihren Universitäten und Forschungsinstituten. Und darüber hinaus hatten sie ihre alte Sprache wiederbelebt und sie zu einer lebenden Sprache mit antikem Rhythmus und moderner Zweckbestimmung gemacht. Hitler hatte absolut nichts zu tun mit dieser Revolution. Ist all dies nicht eine Revolution, die präsidialer Anerkennung wert wäre?“

Den vollständigen Artikel gibt es unter dem folgenden Link: http://www.tnr.com/politics/story.html?id=cd70b25d-12b5-4f6f-8fd3-4a965be569f3

(The New Republic, 01.07.09)