Dienstag, 11.09.2007




Ehud Olmert – Überlebender des Jahres

Von Yoel Marcus

Man mag es glauben oder nicht – nach allem, was wir im zweiten Libanonkrieg durchgemacht haben, ist die Mehrheit der Israelis davon überzeugt, dass Israel ein Ort ist, an dem es ‚Spaß macht zu leben’. Laut einer Studie von Mina Tzemach, deren Ergebnisse letzten Freitag in der israelischen Tageszeitung Yedioth Ahronoth veröffentlicht wurden, ist die überwältigende Mehrheit der Befragten begeistert von ihrem Land. Wie würden Sie Ihre Stimmung beschreiben? 86% sagen, sie sei gut. Wie würden Sie Ihre wirtschaftliche Situation darstellen? 67% sagen, sie sei gut. Sind Sie sicher, dass Israel auch in ferner Zukunft existieren wird? 74% sind sich sicher. Haben Sie dieses Jahr die Auswanderung in Betracht gezogen? 76% haben dies nicht getan. Sind Sie stolz, ein Israeli zu sein? 84% sind es.

Aus all diesen patriotischen Daten ragt Ehud Olmert mit einer schlechten Bewertung als Landesvater hervor. Seine berühmten Worte „Ich bin nicht populär“ werden in der Umfrage als bisher unveränderte Tatsache reflektiert. In der Rede, in der diese Worte fielen, hatte er hinzugefügt: „Doch dies ist meine Arbeit“. Die Quintessenz besteht darin, dass es ihm noch immer an Popularität fehlt, trotz der Dinge, die er seit seinem Versagen im Zweiten Libanonkrieg richtig gemacht hat, angefangen vom verabschiedeten Haushalt bis hin zur Aufrechterhaltung einer stabilen Regierungskoalition.

Seit seinem 27. Lebensjahr ist Ehud Olmert Mitglied der Knesset. Somit ist er seit 35 Jahren in der Politik engagiert. Er hat eine große Erfahrung mit allen politischen Tricks, im Guten wie im Schlechten. Er ist klug, intelligent und vorsichtiger als man denkt. Trotz der Spannungen mit Syrien sagte er beim Treffen der Kadima-Partei wiederholt: „Ich bin ruhig.“ Als ob er Angst gehabt hätte, sich zu versprechen und sich auf die Behauptung des syrischen Präsidenten Bashar Assad, Israel sei in den syrischen Luftraum eingedrungen, zu beziehen. Leben und Tod liegen in der Macht der Sprache. Diese Lektion hat Ehud Olmert aus dem zweiten Libanonkrieg gelernt.

Seit seiner Jugend in der jüdischen Jugendorganisation Betar und als Sohn eines Betar-Leiters war er ein Anhänger der Idee Großisraels und später auch ein Gegner des Friedensvertrages mit Ägypten. Doch dann wurde er der erste, der während einer Rede am Grab David Ben Gurions die Abkoppelung ankündigte. Seit dem Versagen des zweiten Libanonkrieges hat Olmert, dem Kommentatoren „großen Mut“ zuschreiben, in seiner Eigenschaft als Ministerpräsident die richtigen Dinge unternommen. Doch die Mehrheit der Öffentlichkeit ist unfähig, sich vom Trauma seiner Entscheidung, ohne die nötige Bereitschaft der Armee in den Krieg zu ziehen, zu befreien.

Olmert erinnert an Levi Eshkol. Beide waren unvorbereitet, als sie in die großen Schuhe von zwei der größten Staatsmänner Israels schlüpften. Eshkol übernahm die Schuhe Ben Gurions, der Ministerpräsident und Verteidigungsminister war, und Olmert diejenigen von Ariel Sharon, der auf der Höhe seiner Reife als Staatsmann und inmitten einer Kehrtwendung  der israelischen Politik ins Koma fiel. Eshkol, der zuvor primär als Finanzminister fungiert hatte, wurde als Verteidigungsminister nervös, als Ägypten in den Sinai eindrang und die Straße von Tiran in einer offenen kriegerischen Provokation gegen Israel schloss. Die Wahrheit ist, dass die israelische Armee damals auf ihrem Höhepunkt war und über hervorragend ausgearbeitete Kriegspläne verfügte. Doch Eshkol zögerte und erschöpfte die Reservisten durch Wochen des Wartens. Sein Glück war, dass er durch den Druck der politischen Konstellation und der Armeeführer gezwungen wurde, seinen Posten als Verteidigungsminister Moshe Dayan zur Verfügung zu stellen. Innerhalb von fünf Tagen war der Sechs-Tage-Krieg entschieden. Der Sieg wurde Dayan zuerkannt, vor allem weil dieser den Bewegungen einer Armee, die ausgezeichnet aufgestellt und vorbereitet war, Kampfgeist und ausgeklügeltes Handeln hinzufügt hatte.

Olmert zog in den Krieg mit einem halluzinierenden Generalstabschef, der dachte, man könne die Hisbollah mit einem Luftangriff in die Knie zwingen, mit einem Verteidigungsminister, der keine Ahnung von Verteidigung hatte und nichts über den armseligen Zustand der Armee wusste, und mit einer Armee, die nicht trainiert war, eine veraltete Grundausrüstung und darüber hinaus keine effektiven Pläne für einen Sieg in feindlichem Gebiet besaß. Dieses Dreiergespann brachte Israel 157 Tote und das Abfeuern von 3970 Raketen und Flugkörpern auf die Heimatfront ein. Mit Sharon wäre das niemals passiert. Er war sich der Beschränkung der Armee, die Shaul Mofaz und Moshe Ya’alon hinterlassen hatten, sehr wohl bewusst. Halutz’ Ernennung hatte im Prinzip nur ein Ziel: die Evakuierung der israelischen Siedlungen im Gazastreifen.

Als talentierter politischer Akrobat verfolgt Olmert nun den vermuteten zweiten Schritt von Sharons Plan: das Erreichen eines Abkommens mit den Palästinensern. Für ein Ei, das noch nicht ausgebrütet ist, wird er nicht die beste Wertung von 10 erhalten. Doch eine 7 ist auch nicht schlecht. Zieht man den sinkenden Feindschaftsgrad der Medien gegenüber Olmert in Betracht und außerdem die feste Koalition, die er mit Ehud Barak gebildet hat und die auf der Tatsache beruht, dass die meisten Knesset-Mitglieder vor dem Risiko vorgezogener Neuwahlen zurückschrecken, und nimmt man zusätzlich an, dass das Winograd-Komitee seinen Schwung verloren hat, sollte man Ehud Olmert als Mann  des Jahres 5767 betrachten. Oder, um genauer zu sein, als Überlebenden des Jahres 5767. Er hat etwas an sich – einen Fleck, der beim Waschen nicht rausgeht.

(Ha’aretz, 11.09.07)