Dienstag, 09.03.2010




Kopfüber hinein
Von Yoel Marcus

Seit die Atombombe auf die Welt kam, wurde sie alles in allem nur zweimal zum Einsatz gebracht, am 6. und am 9. August 1945 gegen die Städte Hiroshima und Nagasaki. Damit führten die Amerikaner die endgültige Kapitulation Japans herbei. Manch einer behauptet, der Abwurf der zweiten Bombe sei überflüssig gewesen, doch war sie wichtig als Warnung für die Zukunft; dass dies nämlich keine Waffe sei, mit der man spielt. Seitdem ist diese fatale Waffe vervollkommnet worden und hat sich über die Welt verbreitet. Aber nie mehr ist eine Bombe abgeworfen oder eine Rakete mit atomarem Sprengkopf abgefeuert worden.

In den heißesten Tagen des Kalten Krieges, da allein die beiden Großmächte über ein atomares Potential verfügten, gab es eine Linie, die man nicht überschritt, der man sich nicht einmal annäherte. Das einzige Mal, dass die Welt den Atem anhielt, war im Oktober 1962, als Chruschtschow überraschend Mittelstreckenraketen in Kuba stationierte und damit das Herz der Vereinigten Staaten bedrohte. US-Präsident John F. Kennedy zwang die Sowjetunion mit der direkten Drohung, zum Krieg bereit zu sein, zur Rückführung der Raketen auf ihr Territorium.

Die zweite und die dritte Episode hatten mit Israels Politik zu tun, die arabischen Staaten von der Atombombe abzuhalten. Vor 29 Jahren bombardierte Israel den sich im Bau befindlichen Atomreaktor im Irak und vereitelte dadurch Saddam Husseins Versuch, ihn wiederaufzubauen. Als es 2007 den sich im Bau befindlichen Reaktor in Syrien bombardierte, verging offensichtlich auch Assad die Lust daran, alles wieder von neuem anzufangen.

Die Tatsache, dass in der Welt ein Gleichgewicht nuklearer Bedrohung geschaffen wurde, hat nicht Kriege verhindert, aber die ‚Waffe des Jüngsten Gerichts’ ist bislang zumindest nicht eingesetzt worden. Benachbarten Atomstaaten wie Indien und Pakistan kommt es nicht in den Sinn, die Atombombe einzusetzen, wenngleich keine immerwährende Garantie besteht.

Das Problem liegt nicht in der Fähigkeit, atomares Potential zu entwickeln, sondern in der Frage, wer darüber verfügt und zu welchem Zweck. Wenn die Bombe sich in den Händen eines Staates befindet, der von einem Ayatollah-Regime beherrscht wird, das sich die Vernichtung Israels und des ‚zionistischen Gebildes’ auf die Fahnen geschrieben hat, muss man diese Drohungen ganz und gar ernst nehmen. Dies ist der einzige Staat auf der Welt, der UN-Mitglied ist und öffentlich seine Absicht verkündet, den Judenstaat zu vernichten. Wir haben es mit einem Wahnsinnigen wie Ahmadinejad zu tun, der immer wieder öffentlich erklärt, es habe keinen Holocaust gegeben, und nun „entdeckt“ hat, dass die Anschläge vom 11. September von den Amerikanern verübt worden seien, um einen Vorwand zu bekommen, die Wurzeln des Terrors zu bekämpfen. Die Rede ist hier von einem Staat, dessen Führung danach strebt, den gesamten gemäßigten Nahen Osten zu einem Tummelplatz von Shariah-Extremisten zu machen.

Von dem Streben nach Atomwaffen abgesehen, handelt es sich hier um ein Regime, dass eine riesige Land- und See-Streitkräfte aufbaut und über Shihab-Langstreckenraketensysteme verfügt, die sowohl Amerika als auch Europa bedrohen. Es ist zu erwarten, dass der erste Schritt eines atomaren Iran auf dem Weg zur Vorherrschaft im Persischen Golf die Machtübernahme im Irak wäre.

Die Herrscher Saudi-Arabiens und Jordaniens haben nicht weniger Grund zur Sorge als Israel. Die Hisbollah, mit iranischen Waffen ausgestattet, bedroht nicht nur Israel, sondern treibt sich schon in Mubaraks Hinterhof herum.

Zwar stimmt es, dass Atomstaaten, die einander nicht leiden können, nebeneinander existieren, ohne die Atombombe einzusetzen. Aber im schweren Schatten der wahnsinnigen iranischen Bedrohung ist ein Schlag gegen den Iran Ahmadinejads und der Ayatollahs unvermeidlich – sei es durch internationale Sanktionen oder eine amerikanische Militäroperation unter der Schirmherrschaft des Sicherheitsrats. Nicht nur die Staaten der Region, sondern alle vernünftigen Staaten müssen besorgt sein darüber, was im Iran vor sich geht. Vor allen anderen Israel, das als erstes Ziel dazu auserkoren ist, ‚von der Erdoberfläche zu verschwinden’.

Unsere amerikanischen Verbündeten, unter ihnen Vizepräsident Joe Biden, der derzeit Israel besucht, warnen uns wieder und wieder davor, uns nicht kopfüber in eine militärische Aktion zu stürzen, bevor die Sanktionen nicht ausgeschöpft sind. Israel muss die Welt unter der Führung Amerikas agieren lassen, doch die Iraner sind bekanntlich schlau genug, um die Sanktionäre in die Irre zu führen. Unsere Augen müssen offen bleiben und die Art und Weise sowie die Geschwindigkeit prüfen, mit der die USA und die ‚aufgeklärte Welt’ handeln, ohne die militärische Option fallen zu lassen.

Wenn von einer erklärtermaßen existentiellen Bedrohung die Rede ist, sind wir eben doch verpflichtet, uns kopfüber hineinzustürzen.

(Haaretz, 09.03.10)

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